Finanzen & Wirtschaft

Worauf es beim Kreditvergleich in der Schweiz ankommt

Werktisch mit Nähmaschine, Stoffen und Notizblock in einer kleinen Werkstatt

852’873 Kreditgesuche registrierte die Zentralstelle für Kreditinformation 2025 im Schweizer Neugeschäft. Abgelehnt wurden davon 315’699, eine Quote von 37,0 Prozent gegenüber 27,6 Prozent im Jahr 2021 (Quelle: ZEK, Jahresbericht 2025). Zugleich stieg die Zahl der Bonitätsanfragen auf rund 2,96 Millionen nach 2,60 Millionen im Vorjahr. Wer eine Nähmaschine, einen Brennofen oder die Einrichtung einer kleinen Werkstatt über Raten finanzieren will, trifft also auf ein System, das häufiger Nein sagt als noch vor vier Jahren.

Diese Zahlen erzählen weniger über schlechte Zahlerinnen und Zahler als über den Prüfmassstab. Er heisst in der Schweiz nicht Bonität, sondern Kreditfähigkeit, steht im Konsumkreditgesetz und rechnet anders, als die meisten vermuten. Sieben Fragen führen durch das, worauf es beim Vergleich eines Konsumkredits wirklich ankommt: vom ersten Angebot bis zu den Folgen, wenn eine Rate ausbleibt.

Warum spricht die Schweiz von Kreditfähigkeit statt von Bonität?

Kreditfähig ist nach Art. 28 des Konsumkreditgesetzes, wer den Kredit zurückzahlen kann, ohne den unpfändbaren Teil des Einkommens nach Art. 93 SchKG anzutasten. Damit ist der Massstab weder ein Punktewert noch eine Prognose über künftiges Verhalten, sondern eine Rechnung: Einkommen minus Existenzminimum, Miete, Steuern und bestehende Verpflichtungen. Was übrig bleibt, darf die Rate tragen. Alles andere ist rechtlich unerheblich.

Entscheidend ist eine Fiktion in Absatz 4 derselben Bestimmung. Gerechnet wird zwingend mit einer Amortisation innerhalb von 36 Monaten, auch wenn der Vertrag über 60 oder 84 Monate läuft. Für 30’000 Franken heisst das eine fiktive Rate von rund 900 Franken, unabhängig davon, was im Vertrag steht. Wer die lange Laufzeit wählt, um die Rate zu drücken, verbessert seine Chancen auf eine Zusage deshalb nicht. In der Praxis begrenzt diese Fiktion die mögliche Kredithöhe stärker als jeder Zinssatz.

Vom Budget zum Vertrag: fünf Schritte1Rechnung vor dem GesuchEinkommen minus Existenzminimum, Wohnkosten, Steuern und laufende Raten2Fiktive Rate über 36 MonateArt. 28 Abs. 4 KKG rechnet die Amortisation zwingend auf 36 Monate3Angebote vergleichenEffektiver Jahreszins, Gesamtkosten und die Pflichtangaben nach Art. 9 KKG4Vertrag auf Vollständigkeit prüfenFehlt eine Pflichtangabe, ist der Vertrag nach Art. 15 KKG nichtig514 Tage WiderrufsfristArt. 16 KKG verlangt die Schriftform, die Frist läuft ab Erhalt der Kopiecreasphere.ch

Was zeigt der Blick nach Deutschland?

In Deutschland läuft dieselbe Prüfung anders. Dort heisst der Massstab Kreditwürdigkeit, beruht auf einer Prognose der künftigen Zahlungsfähigkeit nach § 505a BGB und kennt weder das betreibungsrechtliche Existenzminimum noch die Rechnung auf 36 Monate. Ebenso fehlt eine gesetzliche Zinsobergrenze, wie sie das Schweizer Recht vorsieht. Wie das deutsche System seine Kreditarten, Kreditsummen und Kosten ordnet, führt ein deutscher Kredit-Ratgeber im Detail vor; für einen Vertrag mit einer Schweizer Kreditgeberin gelten diese Regeln allerdings nicht. Der Vergleich lohnt trotzdem, weil er zeigt, was die hiesige Rechnung leistet: Sie schützt vor einer Rate, die im ersten schlechten Monat kippt, und verhindert im Gegenzug manche Finanzierung, die anderswo bewilligt würde.

Was muss zwingend im Vertrag stehen?

Art. 9 KKG verlangt für den Barkredit die Schriftform und einen festen Katalog von Angaben: Nettobetrag, effektiver Jahreszins, Höhe, Zahl und Fälligkeit der Teilzahlungen, die Gesamtkosten sowie den Hinweis auf das Widerrufsrecht und die Prüfung der Kreditfähigkeit. Fehlt eine dieser Angaben, ist der Vertrag nach Art. 15 KKG nichtig. Dasselbe gilt, wenn der vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement für das laufende Jahr festgelegte Höchstzinssatz überschritten wird.

Für Konsumentinnen und Konsumenten sind die Folgen einer Nichtigkeit günstig: Die Kreditsumme ist in den vereinbarten Raten zurückzuzahlen, Zinsen und Kosten entfallen. Bei schwerwiegenden Verstössen gegen die Kreditfähigkeitsprüfung verliert die Kreditgeberin nach Art. 32 KKG sogar die gesamte Kreditsumme samt Zinsen und Kosten. Ein Vertrag, der auf einem Beiblatt ohne Unterschrift steht, ist damit kein Formfehler unter vielen, sondern eine offene Rechtsfrage.

Vergleichbar werden zwei Angebote allein über den effektiven Jahreszins. Art. 5 und 6 KKG definieren ihn als Gesamtkosten des Kredits in Prozent des Nettobetrags, wobei zu den Gesamtkosten sämtliche Beträge zählen, die für den Kredit zu bezahlen sind. Ein tiefer Sollzins neben einer Bearbeitungsgebühr ergibt also keinen tiefen Preis. Die Obergrenze legt das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement jedes Jahr neu fest; für 2026 gilt eine eigene Verordnung, deren Sätze seit dem 1. Januar in Kraft sind. Ein Angebot am oberen Rand dieser Grenze ist rechtlich zulässig und trotzdem teuer. Die Grenze ersetzt den Vergleich nicht.

Ein zweiter Punkt betrifft die Zusatzprodukte. Eine Restschuldversicherung, die als freiwillig angeboten wird, verteuert die monatliche Belastung, ohne im ausgewiesenen Zinssatz sichtbar zu werden. Sinnvoll ist deshalb der Vergleich der Gesamtsumme aller Zahlungen: Rate mal Anzahl Raten, einmal mit und einmal ohne die angebotenen Zusätze. Diese Differenz ist der wahre Preis des Zusatzprodukts. In Franken lässt sie sich besser diskutieren als in Prozentpunkten.

Wie funktioniert der Widerruf in der Praxis?

Nach Art. 16 KKG lässt sich der Antrag zum Vertragsabschluss oder die Annahmeerklärung innerhalb von 14 Tagen widerrufen. Anders als in Deutschland und Österreich verlangt das Gesetz dafür ausdrücklich die Schriftform. Ein Anruf genügt nicht, eine E-Mail ist heikel; ein eingeschriebener Brief ist der sichere Weg. Zu laufen beginnt sie mit dem Erhalt der Vertragskopie, nicht mit der Auszahlung.

Eine Ausnahme betrifft den Überziehungskredit auf dem Konto: Dort besteht nach Art. 12 Abs. 4 KKG kein Widerrufsrecht. Wer vorzeitig aussteigen will, kann den Kredit nach Art. 17 KKG jederzeit ganz oder teilweise zurückzahlen und erhält den Zins- und Kostenanteil für die nicht beanspruchte Zeit erlassen. Diese beiden Rechte zusammen machen aus einem Kreditvertrag ein Geschäft, das sich korrigieren lässt, vorausgesetzt, die 14 Tage werden im Kalender notiert.

Zählt die Ratenzahlung im Laden auch als Kredit?

Ja. Das Konsumkreditgesetz erfasst neben dem Barkredit auch Waren- und Dienstleistungsfinanzierungen sowie Kredit- und Kundenkarten, sofern sie mit einer Kreditoption verbunden sind. Rechtlich ist die Ratenzahlung für eine Overlockmaschine im Fachhandel damit ein Konsumkredit, mit Formvorschriften, Widerrufsrecht und Kreditfähigkeitsprüfung.

Für Karten gilt eine Besonderheit, die im Alltag leicht übersehen wird. Wurde die Kreditoption dreimal hintereinander genutzt, muss der ausstehende Betrag der Informationsstelle für Konsumkredit gemeldet werden, sofern er 3000 Franken erreicht (Art. 27 KKG). Diese Meldung ist keine Vertragssache, sondern gesetzliche Pflicht, und sie wirkt bei der nächsten Kreditfähigkeitsprüfung mit. Wer die Teilzahlungsfunktion der Karte für Materialkäufe nutzt, baut also unbemerkt an der eigenen Kreditakte mit. Sichtbar wird das erst, wenn Monate später ein grösserer Kredit ansteht und die gemeldete Kartenschuld in der Rechnung auftaucht. Ein kurzer Blick auf die Kartenabrechnung genügt: Steht dort eine Teilzahlung statt des vollen Saldos, läuft bereits ein Konsumkredit.

Konsumkreditgesetz: Geltung und NichtigkeitFällt darunterBarkredit von 500 bis80'000 FrankenRatenkauf im HandelKarten mit KreditoptionFällt nicht darunterGrundpfandgesicherteKredite (Hypothek)Zins- und gebührenfreieKrediteMacht nichtigFehlende Pflichtangabenach Art. 9 KKGVerstoss gegen denHöchstzinssatzcreasphere.ch

Wie verbreitet sind Kredite und Leasing überhaupt?

2022 lebten 40,9 Prozent der Schweizer Bevölkerung in einem Haushalt mit mindestens einer Schuldenart; am häufigsten war das Fahrzeug-Leasing mit 14,5 Prozent (Quelle: BFS, SILC 2022, Modul Verschuldung). Das Verschuldungsmodul der Erhebung läuft nur unregelmässig, weshalb die Jahreszahl dazugehört. Mehrfachverpflichtungen sind dabei die Ausnahme: Ende 2025 hatten 81,7 Prozent der Personen mit laufenden Konsumkredit- oder Leasingverträgen genau einen Vertrag, 14,7 Prozent zwei und 3,6 Prozent mehr als zwei.

Auch die Rückstände lassen sich beziffern. 7,1 Prozent der Bevölkerung lebten 2024 in einem Haushalt, der bei Kreditrückzahlungen oder Kreditkartenrechnungen im Rückstand war; häufiger waren nur Steuerrückstände mit 8,8 Prozent und offene Krankenkassenprämien mit 7,3 Prozent. Ein Kredit ist in der Schweiz demnach kein Massenphänomen mit Massenausfällen, sondern ein Einzelvertrag, der in den meisten Haushalten allein steht. Wer nebenbei etwas dazuverdient, sollte die Auswirkungen auf das anrechenbare Einkommen kennen — bei einem Nebenerwerb im Ruhestand etwa hängen Steuern und Beiträge daran.

Was passiert, wenn eine Rate ausbleibt?

Dann beginnt ein Verfahren, das mit dem deutschen oder österreichischen Weg wenig gemein hat. 2025 wurden in der Schweiz 3’147’160 Betreibungen eingeleitet und 3’031’541 Zahlungsbefehle ausgestellt; nur gut jedes zehnte Verfahren betraf eine juristische Person (Quelle: BFS, Betreibungs- und Konkursstatistik 2025). Gezählt werden Verfahren, nicht Personen — eine einzelne Person kann mehrfach betrieben werden.

Der Privatkonkurs bleibt die Ausnahme. Von 13’612 im selben Jahr eröffneten Konkursverfahren betrafen 1’127 Privatpersonen, ein Rückgang um 20,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wichtig für die Einordnung: Eine Restschuldbefreiung wie in Deutschland oder Österreich kennt das Schweizer Recht nicht. Offene Forderungen bleiben nach dem Verfahren bestehen und können später erneut geltend gemacht werden. Genau deshalb ist die Rate, die im Vertrag steht, keine Verhandlungsmasse, sondern eine Rechengrösse, die auch einen Monat ohne Auftrag überstehen muss.

Zwischen Zahlungsbefehl und Pfändung liegt zudem Zeit, die sich nutzen lässt. Ein Rechtsvorschlag stoppt das Verfahren vorerst, und eine anerkannte Schuldenberatungsstelle verhandelt Ratenpläne oft erfolgreicher als die betroffene Person selbst. In den meisten Kantonen ist sie kostenlos. Je früher sie erfolgt, desto grösser der Spielraum: Sind erst einmal mehrere Verlustscheine ausgestellt, wird jede Neuverhandlung schwieriger.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis eine Kreditzusage vorliegt?

Die Prüfung der Kreditfähigkeit braucht vollständige Unterlagen zu Einkommen, Wohnkosten und bestehenden Verpflichtungen. Liegen diese vor, entscheiden viele Kreditgeberinnen innerhalb weniger Arbeitstage. Die 14-tägige Widerrufsfrist beginnt danach mit dem Erhalt der Vertragskopie.

Schadet eine abgelehnte Anfrage späteren Gesuchen?

Registriert werden Gesuche im ZEK-System; 2025 waren es rund 852’873 bei 315’699 Ablehnungen. Mehrere Anfragen kurz hintereinander fallen bei der nächsten Prüfung auf. Sinnvoller ist es, die eigene Rechnung vorab mit der 36-Monats-Fiktion zu machen und erst danach ein Gesuch zu stellen.

Gilt das Konsumkreditgesetz für jeden Kredit?

Nein. Grundpfandgesicherte Kredite fallen nicht darunter, ebenso wenig zins- und gebührenfreie Kredite. Für eine Hypothek gelten stattdessen die Selbstregulierung der Bankiervereinigung und die Vorgaben zur Amortisation — Widerrufsrecht und Höchstzinssatz aus dem Konsumkreditrecht sind dort nicht anwendbar.

Was ist der Unterschied zwischen ZEK und IKO?

Die ZEK ist die Zentralstelle für Kreditinformation ihrer Mitgliedsfirmen und registriert Gesuche, Verträge und Zahlungsverhalten. Die IKO ist die gesetzlich vorgesehene Informationsstelle für Konsumkredit, an die Meldungen nach den Art. 25 bis 27 KKG zwingend gehen. Beide Stellen wirken bei der Kreditfähigkeitsprüfung mit.

Darf eine 17-jährige Person einen Ratenkauf abschliessen?

Nur mit schriftlicher Zustimmung der gesetzlichen Vertretung; das verlangt Art. 13 KKG ausdrücklich. Fehlt sie, greift dieselbe Rechtsfolge wie bei anderen Formfehlern. Für Jugendliche, die ihr erstes eigenes Werkzeug oder Material finanzieren möchten, ist das die wichtigste Hürde.

Fazit: die Rechnung vor dem Vergleich

Ein Kreditvergleich in der Schweiz beginnt nicht beim Zinssatz, sondern bei der eigenen Rechnung nach dem Muster von Art. 28 KKG: Einkommen, Existenzminimum, Wohnkosten, Steuern, laufende Verpflichtungen — und dann die fiktive Rate über 36 Monate. Erst wer diese Zahl kennt, weiss, welche Kredithöhe realistisch ist, und stellt statt fünf Gesuchen ein einziges. Beim Vergleich der Angebote zählen anschliessend drei Dinge: der effektive Jahreszins, die Vollständigkeit der Pflichtangaben nach Art. 9 KKG und die Frage, ob die Rate auch ohne den besten Monat des Jahres reicht. Und für alles, was danach kommt, gilt der einfachste Rat von allen: die 14 Tage im Kalender markieren. Bis dahin lässt sich eine Unterschrift schriftlich und kostenlos zurücknehmen — danach beginnt eine Verpflichtung, die im Schnitt über vier Jahre läuft. Wer das Geld für ein kreatives Projekt braucht, prüft zuvor, ob sich der Materialbedarf strecken lässt; viele Ideen aus der Anleitung für selbst genähte Herbstdeko kommen mit Resten aus der eigenen Stoffkiste aus.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Schreib einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.